„Aus die Maus“ & Co. - unsere Todesanzeigenbücher

 

http://www.kiwi-verlag.de/ifiles/cover/big/9783462041576_gr.jpg               http://www.kiwi-verlag.de/ifiles/cover/big/9783462042498_gr.jpg                http://www.kiwi-verlag.de/ifiles/cover/big/9783462045499_gr.jpg

 

Die allerbesten Stücke meiner Todesanzeigensammlung sind zwischen 2009 und 2013 im Verlag Kiepenheuer & Witsch in drei Taschenbüchern veröffentlicht worden: Aus die Maus (2009), Wir sind unfassbar (2010) und Ich mach mich vom Acker (2013). Diese Titel liegen auch als E-Books und Sonderausgaben und – teilweise – als Hörbuch vor.

Die Trilogie ist in Zusammenarbeit mit dem Autor Dr. Matthias Nöllke entstanden, der die Bücher konzipiert und die Texte geschrieben hat. Das gilt auch für die folgende Leseprobe, ein (leicht eingekürztes) Kapitel aus unserem zweiten Buch
Wir sind unfassbar.

 

„Die Früchte ihres unermüdlichen Schlafens“ – Anzeigen mit kleinen Fehlern

 

(Leseprobe aus: Matthias Nöllke / Christian Sprang: Wir sind unfassbar, © 2010, Kiepenheuer & Witsch – alle Rechte vorbehalten, Vervielfältigung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung ist nicht gestattet, Verlinken mit dieser Seite erlaubt)

 

Mehr noch als sonst im Leben gilt bei Todesanzeigen der Grundsatz: Jetzt bloß keinen Fehler machen. Denn recht besehen gibt es für ein Trauerinserat keine zweite Chance. Steht die Sache erst einmal in der Zeitung, so kann auch eine spätere „Richtigstellung“ oder die Publikation der korrigierten Anzeige den Schnitzer nicht mehr rückgängig machen. Eher ist das Gegenteil zu erwarten, der fehlerhafte „Urtext“ wird durch eine nachträgliche Klarstellung keineswegs getilgt, sondern brennt sich umso stärker unserer Erinnerung ein. Für die Hinterbliebenen kann der kleinste Fehler alptraumhafte Züge annehmen. Immerhin wird das Andenken an einen geliebten Menschen beschädigt. Und das ist nun wahrlich kein Spaß.

 

Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns auf den nächsten Seiten mit den kleinen Fehlern beschäftigen, die allen Anstrengungen zum Trotz, sie tunlichst zu vermeiden, eben doch immer wieder vorkommen. Dabei liegt der Reiz dieser Anzeigen oftmals darin, dass sich ein neuer, überraschender Sinn ergibt. Und daran kann man als unbefangener Leser und Sammler schon ein gewisses Vergnügen empfinden, das nichts mit Schadenfreude zu tun hat, sondern mit einer spielerischen Lust am Ungewöhnlichen und Widersinnigen.

 


So ist auch das Motto in der Anzeige für Inge L. zu verstehen. Dass Inge L. „entschlafen“ ist und es sich um „Früchte unermüdlichen Schaffens“ handelt, liegt auf der Hand. Aber „unermüdliches Schlafen“ weckt doch viel eher unsere Neugier, zumal wenn es reiche Früchte trägt. Was ist „unermüdliches Schlafen“? Wir denken an einen Menschen, der sich nach jedem Aufwachen mit eiserner Disziplin noch einmal auf die Seite dreht und unbeirrt weiterträumt. Bunte, wilde Träume, hochgestimmte Phantasien, kühne Visionen, die man sich bei wachem Bewusstsein niemals gestatten würde, die Früchte des Schlafens eben. Und doch war es Inge L. verwehrt, diese kostbaren Früchte zu genießen. Warum nur? Hat am Ende der Wecker doch gesiegt? Die tristen Pflichten des Alltags? Oder gab es Überlegungen, die Früchte des Schlafens irgendwie im Wachzustand nutzbar zu machen, um sie zu genießen? Die Antworten darauf muss sich jeder selbst zusammenträumen, wenn er seine eigenen „Früchte des Schlafens“ aberntet.

 

Früchte ihres Schlafens

 

 


Auch das folgende Motto wirft Fragen auf. Von ferne erinnert es an die Arie „Ruhe sanft, mein holdes Leben“ von Mozart. Aber wieso heißt es jetzt „auf allen Seiten“? Diesseits und jenseits der Schwelle des Todes? Und was soll in dieser Situation „noch reichen“? Die Zeit, die uns hienieden noch geschenkt ist? Aber wie passt das alles zusammen? Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie sich an einer *eigenen Deutung versuchen. Also, klappen Sie jetzt erst mal das Buch zu und denken Sie nach.

 

Ruhe sanft auf beiden Seiten

 

 

Was auch immer Sie sich ausgedacht haben, der eigentliche Grund für dieses rätselhafte Motto ist gewiss prosaischer. Wie es sich zugetragen hat, verriet uns Leser H. aus Bensheim: Der Auftraggeber hing an den Text für die Todesanzeige noch einen Zettel mit Anweisungen für die Gestaltung der Kranzschleife. Auf Vorder- und Rückseite, mithin auf „allen Seiten“, sollte „Ruhe sanft“ stehen. Wenn dann noch Platz bliebe, sollte als letzter Gruß zusätzlich „Auf Wiedersehen“ aufgedruckt werden. Der ahnungslose Setzer hielt den Zettel für den zugehörigen Gedenkspruch und fertigte die Anzeige, die daraufhin für einiges Aufsehen sorgte. Herr H. ließ uns wissen, dass der Spruch später sogar in einem Fernsehspiel auftauchte.

 

[…]

 

 „…und immer an den Leser denken!“ ist die Devise eines wöchentlichen Nachrichtenmagazins. Die Anzeige für Betty B. scheint diesen Wahlspruch jedoch allzu sehr zu beherzigen.

 

Betty Bossi

 

 

In diesen Reigen gehört auch unsere titelgebende Anzeige, in der aus einem kleinen Fehler eine tiefe Wahrheit spricht. „Diesseits bin ich gar nicht fassbar“, lautet die Grabinschrift von Paul Klee. Die Anzeige für Gudrun S. vermittelt die ermutigende Botschaft, dass dies für uns alle gilt.

 

Wir sind unfassbar

 

 


Erscheint der Verstorbene auf einem Foto, regt das gleichfalls unsere Fantasie an. Wir stellen uns vor, was das für ein Mensch gewesen sein mag. Zum Beispiel dieser Franz-Josef E. aus dem rheinischen Hückelhoven…

 

E S Bildverwechslung I

 

 

Oder auch Hans S., gleichfalls aus Hückelhoven, dessen Konterfei uns doch seltsam vertraut erscheint.

 

E S Bildverwechslung II

 

 

Mit dem Foto eines anderen Menschen verabschiedet zu werden, ist schon eine schwer erträgliche Vorstellung. Kaum angenehmer ist es, wenn man mit dem eigenen Antlitz in der Anzeige eines Fremden den Leser anlächelt. Doch im Vergleich zu der Bildverwechslung, die Zahnärztin Ina L. erdulden musste, sind die beiden Hückelhovener sogar noch glimpflich davongekommen.

 

ungeheure Fotoverwechslung

 

 


Manchmal genügt nur ein einziger vertauschter Buchstabe, um eine schöne Anzeige zu ruinieren. So haben die Hinterbliebenen von Josefine A. das elegische Gedicht „Der Tod, das ist die kühle Nacht“ aus dem Buch der Lieder von Heinrich Heine ausgewählt. Doch womöglich war der Dichter in der Anzeigenannahme nicht so populär wie der blonde Barde mit der dunklen Brille und dem auslautenden O. Eine undeutliche Handschrift mag ein Übriges bewirkt haben. Und so wurden die feinfühligen Verse kurzerhand dem Schöpfer rustikaleren Liedguts („Karamba-Karacho, ein Whiskey!“) zugeschlagen, was der ganzen Anzeige eine völlig neue Tendenz verleiht.

 

Gedicht von Heinrich Heino

 

 


Einen Hörfehler vermuten wir in der Anzeige für die Ärztin Hildegard C., die, anstatt nach römisch-katholischem Ritus, nach einem solchen Rhythmus bestattet wurde. Das klingt nicht nur wesentlich beschwingter, sondern lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein Element, das traditionell immer ein wenig zu kurz kommt: Die rhythmische Gestaltung der Trauerfeier.

 

Beerdigung nach römisch-katholischem Rhythmus Kopie

 

 


[…]

 


Einen Spitzenplatz unter den extravaganten Trauerfeierlichkeiten beansprucht der vorliegende Fall. Auf der anderen Seite: Kann es ein überzeugenderes Bild für die Größe der Verstorbenen geben? Für ihre innere Stärke und tragende Kraft?

 

Trauerfeier auf der Verstorbenen

 

 


Wenden wir uns dem Berufsleben zu. Es ist gute Tradition, wenn langjährige Mitarbeiter mit einer Anzeige geehrt werden – auch wenn ihre aktive Zeit schon ein wenig zurückliegt. Schwierig wird es nur, wenn sie einen Namen tragen, den man sich so schlecht merken kann. Oder wie es Leserin Jana K. formuliert hat, von der wir diese Anzeige bekommen haben: „Ob Schmid oder Müller, ist doch eh’ eine Soße.“

 

Schmid und Müller

 

 

Bei größeren Firmen können auch schon einmal die Hierarchieebenen durcheinander geraten. Dabei wüsste man zu gern, was die Ursache für die folgende Verwechslung war: Hat die telefonische Anzeigenannahme nicht richtig hingehört und anstelle von „Mitarbeiter“ den doch recht anders klingenden Titel „Präsident des Verwaltungsrats“ verstanden? Soll man das glauben? Oder lag der Fehler nicht vielmehr bei der Firma selbst, die der Verlust ihres „verehrten Mitarbeiters“ Ernst M. so sehr schmerzte, dass man meinte, es müsste der Präsident des Verwaltungsrats abhanden gekommen sein? Da sich die Inserenten-Abteilung entschuldigt, scheint der Fall klar zu sein. Das ist fast ein wenig schade. Denn eigentlich gibt es doch kein schöneres Kompliment, als einen verdienten Mitarbeiter posthum zum Präsidenten zu befördern. Vielleicht hat man aber auch wieder nur Herrn Meier mit Herrn Schulze verwechselt.

 

Kein Präsident

 

 

Eine Verwechslung ganz anderer Art begegnet uns in unserer letzten Anzeige, die schon auf unser nächstes Kapitel hinführt, das dem Familienleben gewidmet ist. Im Motto für die treusorgende Magdalene M. sind zwei altbewährte Sinnsprüche durcheinander geraten, die vermutlich beide gepasst hätten: „Ein gutes Herz hat aufgehört zu schlagen.“ Und: „Zwei nimmermüde Hände haben aufgehört zu schaffen.“ Allerdings entschied man sich für eine etwas unglückliche Kombination von beiden.

Zwei nimmernüde Hände haben aufgehört zu schlagen